40 Jahre Wüstenbelebung

Ibrahim Abouleish SEKEM Shop

„Verrückt!“ So nannten die Leute Ibrahim Abouleish, als er vor 40 Jahren seine Vision verkündete, die Wüste zu begrünen, um eine nachhaltige Gemeinschaft zu erschaffen. Der SEKEM-Gründer begann 1977, die ägyptische Wüste nachhaltig zu beleben. Zurückschauend wird deutlich, dass die Umweltsituation in Ägypten damals zwar bereits schwierig war, aber noch lange nicht so dramatisch, wie sie sich heute zeigt: Das Land leidet unter Wasserknappheit, Wüstenbildung, Klimawandel – die Liste kann noch lange fortgeführt werden. Aber gerade weil Ibrahim Abouleish diese Probleme damals bereits kommen sah, bestand er darauf seine Vision der Nachhaltigkeit zu verwirklichen und gründete die SEKEM Initiative.

Im Jahr 2015 wurde SEKEM mit dem „Land for Life Award“ der Vereinten Nationen ausgezeichnet – für die Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft in Ägypten, wodurch Bodenerosionen bekämpft und die Bodenfruchtbarkeit geschützt wird. Aber was genau verbirgt sich hinter diesem langjährigen ökologischen Engagement?

“Inmitten von Sand und Wüste sehe ich mich als Brunnen, der Wasser spendet. Behutsam pflanze ich Bäume, Kräuter und Blumen und gieße ihre Wurzeln mit den kostbaren Tropfen. Das kühle Wasser zieht Menschen und Tiere an, die sich erfrischen und neue Kraft schöpfen.  Bäume geben Schatten, das Land wird grün…“, so die Vision von Dr. Ibrahim Abouleish.

Der SEKEM-Gründer glaubte fest daran, dass diese Vorstellung in Ägypten realisierbar ist. Dafür muss die Wüste auf nachhaltige Weise zurückgewonnen werden. Denn nur auf lebendigem, grünen Boden kann alles beginnen. Dort wachsen nicht nur Pflanzen und damit unsere Lebensmittel, sondern es entstehen auch Arbeitsplätze wodurch wiederum eine blühende Gesellschaft auf den Weg gebracht werden kann.

Ibrahim Abouleish zwischen den ersten begrünten Bereichen der SEKEM Farm.

Das Grün wächst

Vor 40 Jahren, 60 Kilometer nordöstlich von Kairo, auf einer Fläche von 70 Hektar unberührtem Wüstenland, begann Ibrahim Abouleish seine Vision zu verwirklichen – mit biologisch-dynamischer Landwirtschaft. Heute ist dieser Ort, die SEKEM Farm, der Ausgangspunkt für viele weitere Entwicklungen. Eine lebendige Gemeinschaft ist dort gewachsen, mit Fabriken, Schulen, einem medizinisches Zentrum und einem Berufsbildungszentrum für die Jugend. Weitere SEKEM Farmen sind in Ägypten entstanden: auf der Sinai-Halbinsel, in der Bahariya-Oase in der westlichen Wüste und in Oberägypten in Al-Minya. Außerdem hat SEKEM mehr als 800 Vertragsbauern im ganzen Land, die ebenfalls unter biologisch-dynamischen Richtlinien arbeiten.

Gemeinsam für eine nachhaltige Wüstenbegrünung

„Unser Hauptanliegen war es immer, eine nachhaltige Landwirtschaft aufrechtzuerhalten, die weder Umwelt noch Lebewesen schädigt“, sagt Attia Sobhy, Direktor der Ägyptische Vereinigung für Bio-Dynamische Landwirtschaft (EBDA). Die EBDA wurde 1994 von SEKEM als unabhängige Nichtregierungsorganisation gegründet, um die Landwirte in Ägypten dabei zu unterstützt, von konventionellen Praktiken zu nachhaltigen biodynamischen zu wechseln. Dies geschieht unter anderem durch die Bereitstellung von landwirtschaftlichen Ausbildungs- und Beratungsdiensten.

Ein Paradigmenwechsel in der ägyptischen Landwirtschaft

In den frühen 1990er Jahre erlebte Ägypten einen großen Fortschritt im Bezug auf landwirtschaftliche Prozesse und SEKEM war die treibende Kraft dahinter. Dank der Bemühungen von SEKEM-Gründer Ibrahim Abouleish und seinem Forscherteam wurde die Besprühung von Baumwollfeldern mit chemischen Pestiziden aus dem Flugzeug abgeschafft, nachdem die Effizienz und der hohe Ernteertrag des biologisch-dynamischen Baumwollanbaus nachgewiesen wurde. Diese Maßnahme hat dazu geführt, dass die Verwendung von Pestiziden in der Baumwollproduktion Ägyptens um fast 90% reduziert wurde.

Bodenretter: Kompost- und biodynamische Präparate:

Der Kompost und die Bio-Dünger sind effiziente Unterstützer für die Landwirte, um die Vitalität und Biodiversität ihres Bodens zu erhalten. „Am Anfang wurde der Kompost aus pflanzlichen Rückständen, Tiermist und biodynamischen Präparaten, die wir aus Europa importierten, per Hand gemischt“, erklärt Angela Hofmann, SEKEMs Landwirtschaftskoordinatorin. „Mittlerweile können wir die Präparate selber herstellen und an unsere Vertragsbauern weitergeben.“

SEKEM hat schon immer von internationaler Erfahrung und Unterstützung profitiert. Angela Hofmann zählt zu diesen „Helfern“. Die Landwirtin kam Anfang der 80er Jahre nach SEKEM, nachdem sie sich „von der Idee eine Gemeinschaft aus dem Nichts zu schaffen, anstecken lies.“ „Zusammen mit 40 Schweizer Kühen bin ich von Deutschland nach SEKEM gereist, um dieses Pionierprojekt zu unterstützen“, erinnert sich die langjährige SEKEM-Mitarbeiterin. Die Schweizer Tiere leben nun schon seit Generationen gemeinsam mit ägyptischem Rind und Holstein-Kühen. Heute hat SEKEM 135 Milchkühe und ungefähr ebenso viele Kälber und Stiere.

​Angela Hofmann und ein Mitarbeiter im Jahr 1981 mit dem Braunvieh​.

„Viele Menschen betrachten die Macht, die Zukunft positiv gestalten zu können, entweder als verrückt oder illusionär. Aber diese Träume verändern die Welt.“ Helmy Abouleish

Heutzutage leidet Ägypten vor allem unter wachsender Nahrungsmittelunsicherheit, Bodenerosionen und Wüstenbildung. Die ägyptische Bevölkerung übersteigt 100 Millionen und lebt konzentriert um den schmalen grünen Streifen entlang des Nils – die einzige natürlich fruchtbare Gegend, die etwa 5% der Gesamtfläche Ägyptens ausmacht. Die Wüste beherrscht die Region und die wenigen Grünflächen werden durch katastrophale Bodenpraktiken immer rückläufiger.

Trotzdem bleibt SEKEM hoffnungsvoll. Und dabei handelt es sich nicht mehr um eine verrückte Illusion. „Viele Menschen betrachten die Macht, die Zukunft positiv gestalten zu können, entweder als verrückt oder als illusionär. Aber diese Träume verändern die Welt“, sagt Helmy Abouleish, Geschäftsführer von SEKEM. Die blühenden SEKEM-Felder spiegeln nicht nur diese Hoffnung wieder, sondern beweisen gleichzeitig, dass eine verrückte Vision Wirklichkeit werden kann. Es braucht Mut, Geduld, Durchhaltevermögen und einen festen Glauben an das Gute – vielleicht ein wenig so wie die Bäume auf der SEKEM Farm den Eindruck vermitteln: Vor 40 Jahren gepflanzt, stetig gewachsen, stehen sie heute feste und aufrecht, geben Schatten und brechen selbst stärkste Wüsten-Winde.

Noha Hussein

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