Kamille-Anbau auf der SEKEM Farm

Die weiß blühenden Felder sind wohl schon eine Art Markenzeichen von SEKEM geworden. Matricaria chamomilla, besser bekannt als Kamille, ist in beinahe jedem Haushalt aufzufinden – ob als beruhigender Tee oder als Heilmittel bei Magen- und Darmbeschwerden, Kamille ist vielseitig einsetzbar und beliebt, auch in der Landwirtschaft.

Ägypten zählt weltweit zu den wichtigsten Anbauländern der weiß blühenden Heilkräuter. Auch SEKEM hat bereits seit den Anfängen, Ende der 1970er Jahre, etliche Felder mit Kamille bepflanzt: Insgesamt rund 140 Tonnen biologisch-dynamische Kamille werden pro Jahr von SEKEM produziert.

Unterstützung und Freiheit

Anfang September werden die Kamille-Samen auf besonders nahrhaftem sandigem Lehmboden der SEKEM Farmen ausgesät. Nach 40 Tagen wandern die mittlerweile kleinen Pflänzchen dann weiter auf die Felder. Hier verbringen sie den Winter. „Wir versorgen die Gewächse gemäß den biologisch-dynamischen Richtlinien mit Kompost und natürlichen Präparaten“,  sagt Bauer Mahmoud Abd El Gawad. Der langjährige SEKEM-Angestellte hat durch seinen jahrzehntelangen Erfahrungsschatz im Bereich biologische Landwirtschaft mittlerweile eine leitende Funktion übernommen. „Ich schätze es sehr, dass wir in SEKEM viele Freiheiten haben und unsere eigenen Ideen umsetzen können. Das ist in anderen ägyptischen Betrieben nicht selbstverständlich“, so der 56-Jährige. Mahmoud hat fünf Kinder, von denen zwei die SEKEM Schule besucht haben. „Das ist auch ein Vorteil hier in SEKEM“, verrät er. „Ich wurde nicht nur finanziell dabei unterstützt, meinen Kindern eine ganzheitliche Bildung zu ermöglichen, sondern konnte auch von dem umfangreichen Wissen, das SEKEM mit den Mitarbeitern teilt, unglaublich viel lernen.“

„Durch die biologische Landwirtschaft sparen wir im Vergleich zu konventionellen Farmen bis zu 40 % Wasser“, Angela Hofmann.

Bewusster Umgang mit Wasser

Mahmoud Abd El Gawad ist unter anderem dafür verantwortlich, dass die Kamille richtig bewässert wird. Dazu bekommt er Unterstützung von Bewässerungsexperten, die sich ausschließlich mit der optimalen Flüssigkeitszufuhr auseinandersetzen. „Die Kamille braucht zwar nicht überdurchschnittlich viel Wasser, aber da Ägypten ein Land ist, das mit starker Wasserknappheit zu kämpfen hat, setzen wir selbstredend viel daran, dieses nicht zu verschwenden“, so Angela Hofmann. Die Landwirtin und Expertin für biologisch-dynamischen Anbau erklärt weiter:  „Auch wenn wir durch die biologische Landwirtschaft im Vergleich zu konventionellen Farmen bereits bis zu 40 % Wasser sparen können, bekommen unsere Angestellten regelmäßig Schulungen zum Thema optimale Bewässerung.“

Natürliche Düngung

Wenn die Kamille im Laufe der Wintermonate gut gedeiht, sprießt mit ihr auch das Unkraut. Ungeziefer wie Raupen und Schnecken finden Gefallen an den jungen Pflanzen. „Das Problem mit den Unkräutern besteht bei der Kamille hauptsächlich in den ersten Monaten des Anbaus“, weiß Mahmoud. „Dann fahren wir zusätzlich mit einer Hackmaschine durch die Felder. Dadurch werden die langsam sprießenden Wildkräuter wieder vergraben und ihr Wachstum unterbrochen.“ Um den Wüstenboden möglichst fruchtbar zu halten, wird mit biologischem Kompost gedüngt oder auch mit Vinasse, einem Abfallprodukt der Zuckerherstellung.

Ein Kamillefeld auf SEKEMs Farm in El Wahat.

Im Januar kommen dann langsam die ersten Kamille-Blüten zum Vorschein. Diese jungen Sprossen werden allerdings gleich wieder abgeschnitten. Angela Hofmann: „Dadurch verzweigen sich die Pflanzen und werden so noch einmal dichter.“ Erst einen Monat später geht es dann mit der Ernte so richtig los. 40 Leute pro Feddan (ca. 0,42 Hektar) sind dann auf SEKEM aktiv. „Wir nutzen zwar Erntemaschinen, aber da diese nicht besonders gründlich sind, haben wir zwischen Februar und April immer etliche Helfer aus den umliegenden Dörfern, die uns dabei unterstützen, die Feinarbeit zu erledigen“, erklärt Mahmoud. Auch die sogenannten Kamille-Kinder sind dann auf den SEKEM-Feldern zu finden. Das ist im ersten Moment wohl ein erschreckendes Bild – SEKEM und Kinderarbeit? Nein, natürlich nicht!

SEKEMs Kamille-Kinder

Das Kamille-Kinder-Projekt gibt es seit über zwanzig Jahren. Damals kamen regelmäßig Kinder aus armen Familien nach SEKEM und fragten nach Arbeit. SEKEM lehnte dies zunächst strikt ab, stellte dann aber fest, dass die Kinder weiterzogen und auf anderen Plantagen und Feldern harte Arbeit verrichten mussten. Um dies zu verhindern, hat SEKEM eine Alternative geschaffen: Die Kinder bekommen einen Tageslohn (gesponsert von der SEKEM Development Foundation (SDF)), wenn Sie in den Morgenstunden, unter Aufsicht eines Sozialarbeiters, leichte Arbeit verrichten und den Rest des Tages in SEKEM zur Schule gehen. Dies soll den Kindern das nötige Gehalt für ihre Familie liefern und gleichzeitig Zugang zu Bildung schaffen. Die wenigen Stunden leichte Arbeit am Morgen sind nötig, damit die anderen Kinder, die auf SEKEMs Gesamtschule gehen und Schulgeld entrichten, sich nicht benachteiligt fühlen. Und das Projekt zeigt seine Wirkung: Zu Beginn gab es stets rund 100 Kamille-Kinder – heute sind es unter 20. Das ist ein großer Erfolg.

SEKEMs Arbeiterinnen bei der Kamilleernte.

Wenn die Kamille rund zwei Wochen nach dem ersten Schnitt neue Blüten trägt, kann sie in diesem Zyklus bis Anfang Mai immer wieder aufs Neue geerntet werden. Bis zur nächsten Saison werden die SEKEM-Kamille-Felder dann gemäß den biologisch-dynamischen Vorschriften mit einer anderen Pflanzenfamilie besät. „Das kann zum Beispiel Klee, Getreide oder auch Quinoa sein“, so Angela Hofmann. Diese Pflanzenfolge fördert die Fruchtbarkeit des Bodens.

Weiterverarbeitung in SEKEM

Die geernteten Kamillenblüten werden in einem Schattenhaus auf der SEKEM Farm vor getrocknet, anschließend in einem speziellen Ofen fertig getrocknet, bevor sie schließlich in der SEKEM Firma Lotus weiterverarbeitet werden. Bei Lotus sammeln sich die Erträge von allen SEKEM Farmen sowie die der Vertragsbauern, die mit Hilfe von SEKEM ebenfalls biologisch-dynamische Landwirtschaft betreiben. Bei Lotus werden die Kräuter, Gewürze und Samen gereinigt, zerkleinert und schließlich verschickt. 126 Tonnen Kamille werden exportiert. Nur neun Tonnen der Heilpflanze werden in SEKEM zu Arzneitees und klassischem Kamillentee weiterverarbeitet. Die Überreste der Ernte werden übrigens zum Kompostieren weiterverwendet oder kommen als Stroh der Viehzucht zu Gute.

SEKEM ist sich seit jeher über die Bedeutung der Kamille als gesundes und natürliches Heilmittel bewusst und verwendet sie in vielen Bereichen. In Verbindung mit dem biologisch-dynamischen Anbau ist die Kamille nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch für den Menschen eine rundum gewinnbringende Pflanze, die sicher auch in Zukunft in den Hausapotheken und Tee-Sortimenten rund um den Globus zu finden sein wird.

Christine Arlt

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