Sesam öffnet die Türen für nachhaltige Landwirtschaft in Ägypten

„Sesam öffne Dich!“ Das Sprichwort ist bereits seit dem 18. Jahrhundert aus der Märchenreihe „Tausend und eine Nacht“ bekannt. Hier dient der Ausspruch als Zauberformel zur Öffnung einer Höhle, in der sich ein kostbarer Schatz befindet. Obwohl der Satz metaphorisch verwendet wird, haben Sesamkörner tatsächlich so viele erstaunliche Eigenschaften, dass sie ohne Probleme als „Zaubersamen“ oder „Schatz“ bezeichnet werden können. Auch SEKEM kultiviert Sesam und exportiert ihn entweder als Rohware nach Europa oder stellt süße und gleichzeitig gesunde Riegel für den ägyptischen Markt daraus her.

Sesamunindicum, so der botanische Name der beliebten Ölpflanze, ist ein perfektes Gewächs für die klimatischen Bedingungen Ägyptens: Die Pflanze gedeiht gut in trockenen Gebieten und braucht verhältnismäßig wenig Wasser. So sind Sesam-Erzeugnisse in Ägyptens Küche von besonderer Bedeutung. Tahina, eine Paste aus purem Sesam, fungiert beispielsweise als Soße in etlichen Gerichten oder wird in typisch ägyptischen Kreationen wie Hummus als Grundzutat verwendet. Auch als süße Variante erfreut sich Sesam großer Beliebtheit. Kein Wunder, denn das Vorkommen von Sesam ist bereits in der griechischen Epoche Ägyptens (4. bis 1. Jahrhundert vor Christus) nachgewiesen. Auch im antiken Ägypten soll Sesam verwendet worden sein. So gibt es Aussagen darüber, dass die Samen im Grab des Tutanchamun (ägyptischer König von 1333 bis 1323 v. Chr.) gefunden wurden. Fest steht, dass Sesam schon um 3000 v. Chr. in Mesopotamien angepflanzt wurde und sich seitdem verbreitete.

Anspruchslose Pflanze Sesam

SEKEM baut die vielseitig verwendbaren Samen seit 1990 nach biologisch-dynamischen Richtlinien an. Rund 1000 Tonnen bringt die Ernte jährlich, wobei der überwiegende Teil von SEKEMs Vertragsbauern aus verschiedenen Teilen Ägyptens kommt. Einer von ihnen ist Mahmoud Farouk. Auf seiner 42 Hektar großen Farm nahe der Oase Fayoum, nutzt er 40 Prozent des Landes für den Sesam-Anbau. „Wir haben hier ein sehr trockenes und heißes Klima, dass dem Sesam aber nichts anhaben kann“, berichtet der langjährige SEKEM-Bauer.

Sesam ist eine sehr anspruchslose Pflanzenart, die mit einfachem Boden zurechtkommt und kaum anfällig für Krankheiten ist. So kann dank biologischen Komposts auf Düngung beinahe komplett verzichtet werden. Ein großer Vorteil, den der biologische Anbau mit sich bringt, da Boden, Umwelt und die Gesundheit der Bauern und ihrer Familien geschont werden. „Wir achten auf eine abwechslungsreiche Fruchtfolge, die nochmal mehr dazu beiträgt, dass der Boden fruchtbar und gesund bleibt“, erklärt Mahmoud. Da Sesam ein einjähriges Sommergewächs ist, können im Winter Heilkräuter kultiviert werden. So werden die biodynamischen Richtlinien eingehalten, bei denen auf Pflanzen, die viel Stickstoff verbrauchen, Sorten folgen, die Stickstoff anreichern. Dadurch verbessert sich die Bodenqualität stetig und gleichzeitig steigt die Ernte.

Bewässerungssystem zur Bewässerung des Sesams in Fayoum.

Ähnlich wie seine Vorfahren im alten Ägypten, nutz der Demeter-Bauer Mahmoud Farouk noch heute das System der Flutbewässerung. Diese Bewässerungsmethode ist zwar umstritten und wird auf anderen SEKEM-Farmen nicht mehr angewandt, ist aber in der Oase Fayoum, in der bereits vor über 4000 Jahren Landwirtschaft betrieben wurde, auch heute noch stark verbreitet. SEKEM beschäftigt sich in verschiedenen Forschungen mit einer adäquaten Alternative. „Dem Sesam reicht eine Wasserzufuhr pro Woche“, erklärt Mahmoud. „Die Sesampflanzen haben ein komplexes großflächiges Wurzelsystem, wodurch sie einen sehr geringen Flüssigkeitsbedarf haben.“

Vorteilhaft für Mensch und Umwelt

Anfang Mai beginnt die Aussaat auf Mahmouds Farm. Rund 60 Mitarbeiter sind daran beteiligt. Nach rund zwei Monaten kann die Pflanze bis zu einem Meter hoch werden und fängt an zu blühen. Aus den Blüten entstehen oval geformte Fruchtkörper, die sich mit der Zeit bräunlich verfärben. Beginnen sie sich nach vier bis fünf Monaten zu öffnen, ist die Ernte-Zeit gekommen. Mit der Hand schneiden Mahmouds Erntehelfer die Rispen ab und stellen sie auf große Tücher, bis sie getrocknet sind. „Die aufrechte Position ist wichtig, damit die die Samen nicht aus den Hülsen fallen“, erklärt Bauer Mahmoud. Erst nach 20 Tagen werden die Stauden umgedreht und geschüttelt, sodass die Samen herausfallen.

Die geernteten Sesampartikel werden zum Trocknen aufrecht hingestellt.

In einer Tüte verpackt wird der Sesam dann zu SEKEMs Firma Lotus transportiert. Hier werden die Samen mit professionellen Maschinen gereinigt. Anstelle von gesundheitsbedenklichen Mittel zur abschließenden Entfernung von Insekten wird Kohlendioxid-Überdruck angewandt. Und dann beliefert Lotus entweder SEKEMs Firma ISIS Organic oder exportiert den Sesam nach Deutschland, Holland und in die Schweiz.

Überlebenskünstler

Denn nicht nur in Ägypten ist Sesam beliebt, auch in Europa schwören viele auf den Vitalstoffreichtum der Körner oder mögen den nussigen Geschmack in unterschiedlichen Gerichten. So kann Sesam aufgrund seines Calciumreichtums für die Knochengesundheit eingesetzt werden, senkt den Blutdruck und das hochwertige Öl, das aus den Körnern hergestellt wird, pflegt die Haut reichhaltig und schmeckt auch in Salaten ausgezeichnet.

“Obwohl die ägyptische Landwirtschaft mit vielen Problemen zu kämpfen hat, die beispielweise durch den Klimawandel oder die Wasserknappheit entstehen, mache ich mir um den Sesam keine großen Sorgen“, berichtet Mahmoud Farouk. „Die Pflanze ist so widerstandsfähig und pflegeleicht, aber bringt gleichzeitig so viele Vorteile für den Boden, dass sie bereits als Überlebenskünstler unter den Pflanzen bekannt ist.“

Durch diese Widerstandsfähigkeit hat Sesam sogar etwas mit der SEKEM Initiative gemeinsam, die sich seit fast 40 Jahren inmitten der Wüste entwickelt hat. Und damit scheint das Sprichwort „Sesam öffne dich“ auch gar nicht mehr so magisch. Der Sesam-Anbau eröffnet Möglichkeiten für einen gesunden, nachhaltigen landwirtschaftlichen Zyklus und unterstützt gleichzeitig den Anbau etlicher anderer Pflanzen. Und: Ist dieser nachhaltige Zyklus nicht fast wie ein verborgener Schatz hinter all den Hürden und Herausforderungen vor denen die Ökologie heute steht?

Christine Arlt/Noha Hussein

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