Zwei SEKEM-Bauern erzählen von Verantwortung, Chancen und Herausforderungen der Landwirtschaft in Ägypten

In Fayoum arbeitet die SEKEM Initiative mit 16 Vertragsbauern zusammen, die vor allem Kräuter nach biologisch-dynamischen Richtlinien anbauen. Mahmoud und Ahmed sind bereits seit über 20 Jahren für SEKEM aktiv und berichten, was sich durch die nachhaltige Landwirtschaft in der ältesten Stadt Ägyptens verändert hat und mit welchen Herausforderungen sie heute konfrontiert sind.

Rund 100 Kilometer südwestlich von Kairo wird aus dem trockenen Wüstengebiet langsam fruchtbares grünes Land. Über rund 1700 Quadratkilometer erstreckt sich die Oase Fayoum. In der gleichnamigen Hauptstadt des Regierungsbezirks siedelten bereits 4000 Jahre v. Chr. Menschen an. Damit ist Fayoum die älteste Stadt Ägyptens. Hier im sogenannten „Gemüsegarten von Kairo“ arbeitet SEKEM mit 16 Vertragsbauern zusammen, die gemeinsam eine Fläche von 1250 Feddan (ein Feddan sind ca. 0,42 Hektar) biologisch-dynamisch bewirtschaften. Anfang der 90er Jahre hat SEKEM begonnen die eigene landwirtschaftliche Produktion auszuweiten, Bauern in ganz Ägypten in biologisch-dynamischer Landwirtschaft zu schulen und sie dabei zu unterstützen, ihre Betriebe umzustellen. Das zeigt nicht nur Auswirkungen auf die Landwirtschaft und die Arbeitsbedingungen der Bauern, sondern unterstützt auch einen Wandel in der Gesellschaft.

Fayoum – „Gemüsegarten Kairos“ und älteste Stadt Ägyptens

„1992 habe ich Dr. Ibrahim zum ersten Mal getroffen und angefangen mit ihm und SEKEM zu arbeiten“, berichtet Mahmoud Farouk über sein Kennenlernen mit dem SEKEM-Gründer. „Seither hat sich viel verändert in unserem Dorf. Den Bauern geht es nicht nur besser, weil sie ein verlässliches Einkommen haben. Auch die Analphabetenrate ist beispielsweise gesunken.“ Der SEKEM-Vertragsbauer lebt mit seiner Familie in einem kleinen Dorf, das zu Fayoum gehört. Früher bewirtschaftete er zusammen mit seinen Brüdern und 130 weiteren Farmern ein großes Stück Land, dass er mit SEKEMs Hilfe von konventionellem zu biologischem Anbau umwandelte. Später kaufte er mit seinen Cousins 100 Feddan Wüste und machte den Boden mit biologisch-dynamischen Methoden urbar. Mahmoud und seine Familie bauen vor allem Kamille, Calendula, Fenchel und Kümmel an. Das ist typisch für die Gegend.

Mahmoud Farouk, einer von SEKEMs Vertragsbauern auf seinem Feld in Fayoum.

In den engen sandigen Gassen des Fayoum-Dorfes, in dem Mahmoud mit fünf Töchtern und einem Sohn lebt, laufen viele Kinder durch die Straßen. Auf Eselskarren werden frische Kräuter von den Feldern zu den Trockenhäusern transportiert und Männer mit Gallabiyyas (ein langes ägyptisches Gewand) und Turban sitzen vor ihren Häusern und trinken Tee. Ein sehr idyllisches Bild, wäre da nicht der Müll auf den Straßen und gingen die Kinder regelmäßiger in den Schulen. „Leider haben viele Menschen hier kein Bewusstsein dafür, was der Müll mit unserem Land anrichtet und etliche Eltern legen keinen großen Wert darauf, dass ihre Kinder die Schule bis zum Ende besuchen“, weiß Mahmoud, der ehemals selber Lehrer war.

Straße im Zentrum von Fayoum, einer der ältesten Städte Ägyptens.

Bis vor wenigen Jahren hat er neben seiner Tätigkeit als Landwirt Geschichte und Sozialkunde unterrichtet. Mittlerweile läuft sein Geschäft in der Landwirtschaft so gut, dass er keine Zeit mehr für einen zweiten Job hat. „So geht es den meisten Bauern die für SEKEM arbeiten. Wir haben Verträge mit festen Preisen, nach denen wir uns richten können. Das ermöglicht es uns, langfristig zu planen. Außerdem bekommen wir für die biologisch-dynamisch angebauten Feldfrüchte höhere Preise als unsere Kollegen, die konventionelle Landwirtschaft betreiben“, so Mahmoud.

SEKEM und die Vertragsbauern – eine Win-Win-Situation

Nicht nur die Bauern profitieren von der Partnerschaft mit SEKEM. „Es ist eine Win-Win-Situation“, erklärt Agraringenieur Abd El Razek, der für die Betreuung und Kommunikation mit Mahmoud und allen anderen SEKEM-Bauern in Fayoum (16 Bauern, die wiederum 700 weitere Menschen auf ihren Anwesen beschäftigen) zuständig ist. „SEKEM und die Vertragsbauern sind ebenbürtige Partner.“ Die Initiative wäre ohne das verlässliche Verhältnis zu den langjährigen Zulieferern im ganzen Land nicht dazu im Stande, genügend qualitativ hochwertige Rohware zu liefern. Außerdem kann SEKEM durch die konstante und verlässliche Zusammenarbeit eine geschlossene und faire Wertschöpfungskette garantieren, die für die nachhaltige Vision der Initiative unabdingbar ist. Gleichzeitig sind die Vertragsbauern wichtige Unterstützer bei der Förderung eines Bewusstseins für Nachhaltigkeit im ganzen Land.

Ein typisches Motiv in Fayoum: Ein Esel transportiert die Ernte von den Feldern.

Die Vorteile von festen, verlässlichen Verträgen und biologisch-dynamischer Landwirtschaft weiß auch Mahmouds Kollege Ahmed Abu Hamed zu schätzen. Der Fayoum-Bauer bewirtschaftet seit 20 Jahren 75 Feddan Land für SEKEM. Er führt einen Betrieb zusammen mit seinen Brüdern auf dem er Kräuter und Gemüse anbaut und auch Tiere für den Eigenbedarf hält.

Herausforderungen erkennen, Bewusstseins schaffen, Verantwortung übernehmen

In einem großen Haus am Dorfrand, nahe den Feldern, wohnt Ahmed mit seiner Frau und vier Kindern. Gleich vor seiner Haustür hat er einen kleinen Garten angelegt, in dem Bananenbäume wachsen und Schatten spenden. Gegenüber befindet sich ein Trockenhaus in dem die Kräuter nach der Ernte vorgetrocknet werden, bevor sie zu SEKEMs Firma Lotus, die für die Weiterverarbeitung zuständig ist, transportiert werden.

Kamille-Trocknung in SEKEMs Firma Lotus.

Regelmäßig nimmt der SEKEM-Landwirt an Schulungen zu Themen rund um biologische Landwirtschaft teil. „Wir Vertragsbauern wissen schon lange, welche Vorteile beispielsweise Kompost gegenüber konventioneller Düngung hat. Die Herausforderung ist es, dies immer mehr Menschen zu vermitteln. Es muss zum Beispiel Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass gesunder, fruchtbarer Boden auf lange Sicht mehr wert ist als etwa die schnelle Produktion von großem Ertrag“, erklärt Ahmed. „Dazu ist es wichtig, dass Bildung gefördert wird. Meine Kinder sollen auf jeden Fall zunächst studieren, bevor sie eventuell unseren Betrieb übernehmen“. Der Familienvater bedauert es, dass SEKEM keine Schule in Fayoum hat.

Ähnlich sieht das auch sein Kollege Mahmoud. Die älteste Tochter des SEKEM-Vertragsbauern, Shorouk, studiert im zweiten Semester Pharmazie an der Heliopolis Universität für nachhaltige Entwicklung. Dafür musste sie allerdings das Elternhaus verlassen und nach Kairo ziehen. „Es wäre toll, wenn die Heliopolis Universität weiter Zweigstellen im ganzen Land hätte“, sagt Mahmoud. „Es ist so wichtig, dass in Ägypten ganzheitliche Bildung gefördert wird. Dadurch könnte so vielen Problemen vorgebeugt werden, wie beispielsweise Migration und auch Terrorismus.“

Der SEKEM-Bauer Ahmed und seine Familie.

Mahmoud und Ahmed sind zwar sehr zufrieden mit den Möglichkeiten, die sie als Bauern in Fayoum haben und dankbar, dass sie durch ihr Geschäft sicher ihre Familien ernähren können. Nichtsdestotrotz nehmen sie die Probleme ihres Landes mit Besorgnis wahr. „Wir leben in Ägypten unterhalb der Wasserarmutsgrenze, Pestizide verseuchen unsere Böden, wir verlieren ständig fruchtbares Land von dem wir in Ägypten sowieso bereits viel zu wenig haben und es wird zu wenig in Bildung investiert um dies ins Bewusstsein der Menschen zu bringen“, sagt Mahmoud.

In der grünen Senke kurz vor Kairo, wo sich vor über 6000 Jahren bereits die Hochkultur des alten Ägypten entwickelt hat – die Oase Fayoum wird oft die „Wiege der Landwirtschaft“ genannt – versuchen heute die beiden Bauern Ahmed und Mahmoud ihren Beitrag zur Entwicklung des Landes zu leisten. Bewusst übernehmen sie Verantwortung für den Boden, den sie kultivieren und denken nachhaltig an die Zukunft ihres Landes, das die Generation ihrer Kinder weiter gestalten wird.

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